Der rote Faden – Inga Rienaus Blog

Alle Beiträge aus dem Blog von Inga Rienau

Kann Stricken die Welt verändern? Natürlich nicht, aber so manch ein Maschenschlag erinnert an das Leben! Das Wollknäuel im Korb verknotet sich manchmal auf geheimnisvolle Weise, obwohl die Strickarbeit so harmlos mit einer kleinen Schlinge begann… Nicht nur eine verspielte Katze kann für ungewolltes Chaos sorgen, auch das ungeduldige Zerren am Faden im Inneren des Knäuels ist nicht zielführend. Wer kennt nicht die falschen Pfade und voreiligen Entscheidungen im Leben, die seltsamen Zufälle, hat nicht schon einmal den Faden verloren und sucht ihn später mehr oder minder erfolgreich? Beim Stricken hilft oft nur noch die Schere, um das Chaos zu bändigen, gleichsam den gordischen Knoten zu zerschlagen. Dann musst du das lose Ende deiner Strickarbeit mit einem neuen Anfang verknüpfen. Oder, auf das Leben übertragen, neu durchstarten!
Meine aktuellen literarischen und bildnerischen Projekte drehen sich um das Suchen eines „roten Fadens“, der in das Leben eingewebt scheint. Entschlüsselung eines Strickmusters nicht nur der eigenen Biografie, sondern auch einer zunehmend aus den Fugen geratenen Zeit: viele Menschen wünschen sich eine sichere Struktur, einen Alltagspullover, der zu ihnen passt, der wärmt und haltbar ist.
Dieser Blog soll in loser Folge Werkstattberichte, aber auch Alltagsbeobachtungen aus unterschiedlichen Bereichen vereinen und so den kreativen Prozess vermitteln, der nicht immer linear verläuft, sondern oft genug verschlungenen Mustern folgt. Ergänzungen und Kommentare sind willkommen!

Was bleibt?

Auf der Suche nach dem „roten Faden“ stellt sich auch die Frage: Was hat in dieser zunehmend flüchtigen Zeit noch Bestand, allgemein gesellschaftlich, aber auch persönlich? Dinge zum Festhalten, um nicht von der Twitter-Facebook-Fakenews Woge überspült zu werden? Erinnerungen, die verorten? Und die Kunst, zumal traditionelle Werke wie Gemälde und Fotografien, ist sie nicht längst überflüssig? Ich denke, ganz im Gegenteil! Neben Videoinstallationen und Performances hat auch die bemalte Leinwand weiterhin ihre Berechtigung. Über den reinen visuellen Reiz (auch nicht zu verachten) regt sie zu Reflexion, vielleicht auch zu Dialog oder Widerspruch an.

Ich werde mich in meinem neuen bilderischen Projekt dieser Frage widmen: was bleibt?  Beispiele aus der Werkstatt folgen!

Bei der Arbeit!

Anstrengend, eine Ausstellung vorzubereiten, aber wenn dann alles einigermaßen gerade und zueinander passend hängt, ein gutes Gefühl! Der rote Faden sind in diesem Fall Balkonfotos aus Köln-Kalk, hier ein paar Beispiele:

Die Wäscheklammern sind übrigens keine Notlösung mangels Haken, sondern greifen das häufige Motiv trocknender Wäsche auf.

Mehr Fotos in meiner Galerie!

Tja, und jetzt … erstmal ein Aquarell zur Entspannung, seit langer Zeit mal wieder – nach einem Foto aus dem entspannten Wien.

Den Faden aufnehmen

Nähern wir uns dem Thema doch, wie es sich gehört, kulturgeschichtlich!

Der in die Wiege gelegte Schicksalsfaden wurde schon in der Antike durch die Moiren und bei den Germanen durch die Nornen vermessen, gesponnen und gewebt. Und dann leider auch zu gegebener Zeit wieder durchtrennt. Dieser Mythos lebte noch bis ins Mittelalter, wo es als Unglück bringend galt, Kleidung am Körper auszubessern. Unser Leben hängt hier und da am seidenen Faden, vielleicht merken wie es gar nicht immer, wenn wir unachtsam die Straße passieren. Von Schlimmerem zu schweigen: als Studentin spazierte ich über einen Platz in Jerusalem, auf dem am nächsten Tag eine Bombe detonierte. Damals schon.

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